851-0519-00L  Ausschaffen – Deportationen als Mittel der Migrations- und Bevölkerungskontrolle

SemesterFrühjahrssemester 2021
DozierendeS. M. Scheuzger
Periodizitäteinmalige Veranstaltung
LehrspracheDeutsch


KurzbeschreibungAusschaffungen haben sich in den letzten Jahrzehnten zu einem massenhaft eingesetzten Mittel staatlicher Migrations- und Bevölkerungskontrolle entwickelt. Entgegen der allgemeinen Wahrnehmung ist Ausschaffung ein äusserst komplexer Vorgang. Die Vorlesung diskutiert die „Normalisierung“ der Ausschaffung in globaler Perspektive mit einem Fokus auf den vielfältigen involvierten Techniken.
LernzielDie Studierenden a) kennen wesentliche Entwicklungen des Instruments der Ausschaffung in den letzten Jahrzehnten in ihren globalen Zusammenhängen; b) kennen die verschiedenen Techniken, die bei Ausschaffungen zum Tragen kommen sowie deren Rolle in diesen Entwicklungen; c) können das Instrument der Ausschaffung sowie die dabei eingesetzten Techniken in gesellschaftliche Zusammenhänge einordnen.
InhaltAusschaffungen erscheinen als eine ebenso legitime wie effektive Lösung im staatlichen Umgang mit Menschen, die nationale Grenzen unberechtigt überschreiten oder sich nicht länger innerhalb dieser Grenzen aufhalten dürfen. Indessen ist der vermeintlich einfache Akt der zwangsweisen Abschiebung von ausländischen Staatsangehörigen aus dem nationalen Territorium ein ausserordentlich komplexer Mechanismus staatlichen Handelns. Zu dieser Komplexität tragen insbesondere auch die unterschiedlichen Techniken und Technologien bei, auf denen die Ausschaffungspraktiken beruhen. Auf letztere richtet sich der Fokus der Veranstaltung. Die Vorlesung betrachtet die Technologien, die zum Einsatz gekommen sind bei der Herstellung von Deportabilität, bei der Suche und Erkennung von zu deportierenden Personen, bei deren Festsetzung (der Immobilisierung) und deren Abschiebung (der Mobilisierung). Ein breites Spektrum von Technologien der Überwachung, der Identifikation, der Kommunikation, der Einsperrung, der sanitarischen Kontrolle oder des Transports wird in ihren Funktionsweisen, ihrem Zusammenwirken untereinander und mit anderen Faktoren diskutiert (gerade auch mit dem Konzept der „assemblages“). Ein Blick wird aber ebenfalls auf die Techniken und Technologien geworfen, die im Widerstand gegen staatliche Kontrolle und die Ausschaffungen verwendet werden. Es wird der Frage nachgegangen, wie sich Technologien und ihr Wandel mit den rechtlichen, politischen, kulturellen und sozialen Voraussetzungen von Deportationspraktiken verbunden und welche Bedeutung sie dabei erlangt haben. In einer zeitgeschichtlichen Dimension wird gefragt, welche Rolle Technologien in der Entwicklung von Deportationsregimen gespielt haben, insbesondere bei dem postulierten „deportation turn“ seit den 1990er Jahren, also der massiven Zunahme von Ausschaffungen in vielen Ländern der Welt. Besondere räumliche Schwerpunkte legt die Vorlesung auf Europa, den Nahen Osten und Afrika einerseits sowie auf Nord- und Zentralamerika andererseits.